KiSS

Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung bei Säuglingen und Kleinkindern

Allgemeines

Der Begriff KISS steht für Kopfgelenk-Induzierte Symmetrie-Störung. Er macht auf den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Fehlfunktionen im Bewegungsapparat – hier insbesondere am oberen Wirbelsäulenpol, den so genannten Kopfgelenken – sowie der Entstehung von Entwicklungsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter aufmerksam. Wir nennen solche Fehlfunktionen Kopfgelenksblockierungen.

Die daraus resultierenden Entwicklungsstörungen können vielschichtig sein und sind für sich allein genommen nie typisch für eine KISS-Symptomatik.
Erst die Kombination von derartigen Auffälligkeiten lässt an eine KISS- Problematik denken.
Daher sollten betroffene Säuglinge und Kleinkinder immer beim Kinderarzt vorgestellt und diesbezüglich untersucht werden.
Die meisten Säuglinge reagieren mit Haltungsauffälligkeiten. Einige liegen wie ein „C“ im Bettchen und schauen vermehrt in eine Richtung.


Dadurch plattet sich der Hinterkopf seitlich ab und es entsteht eine asymmetrische Schädelform.Darüber hinaus kann man nicht selten eine Asymmetrie des Gesichtes erkennen, oft erscheint eine Gesichtshälfte kleiner (KISS I).

Andere überstrecken sich stark und biegen sich nach hinten durch („Flitzebogenhaltung“).


Sie können zwar mehr oder minder den Kopf in beide Richtungen drehen, aber im Liegen wird der Hinterkopf durch die fixierte Rückbeuge vermehrt belastet und es entwickelt sich eine in der Mitte gelegene Schädelabplattung mit haarlosem kreisrunden Gebiet, dem „KISS-Fleck“ (KISS II).
Viele Säuglinge weisen kombinierte Haltungsstörungen auf (z.B. Kopf einseitig gedreht und überstreckt), oft ist jedoch eine Komponente führend.


Darüber hinaus entstehen durch die Fehlhaltung auch motorische Auffälligkeiten, das Kind durchläuft die Meilensteine der Säuglingsentwicklung verspätet oder in weniger optimalen Mustern. Manche Kinder überspringen entsprechende Stadien sogar oder ersetzen beispielsweise das Krabbeln durch „Po-Rutschen“. Dabei muss angemerkt werden, dass solche Entwicklungsauffälligkeiten auch als Variante der Normalentwicklung auftreten können.

Häufig bestehen so genannte vegetative Symptome. Auch hier können ganz unterschiedliche Beschwerden auftreten. So berichten zahlreiche Eltern über abendliche Schreiattacken ihrer Kinder, andere Säuglinge spucken vermehrt, sabbern viel oder es treten ein-/beidseitige Stillprobleme auf. Einige schlafen schlecht und machen selbst nach dem ersten Geburtstag die Nacht zum Tag. Manche Babys sind wiederum ganz „brave“ Kinder und fallen nur auf, weil sie „bewegungsfaul“ sind und motorische Entwicklungsrückstände bestehen.

KiSS Typ I

Das Konzept der Kopfgelenk-Induzierten Symmetriestörung soll auf den Zusammenhang von Wirbelsäulenfehlfunktionen und Abweichungen von der normalen Säuglings- und Kleinkindentwicklung hinweisen, da derartige Zusammenhänge immer noch unterschätzt werden. Wenn im Einzelfall eine solche Relevanz nachgewiesen werden kann, bietet die manuelle Therapie eine einfache und risikoarme Behandlungsmöglichkeit.

KISS I Kinder weisen eine Symmetrieabweichung in der Rechts- Links- Ebene auf. Sie schauen fast immer nur in eine Richtung (z. B. nur nach rechts) und neigen den Kopf leicht zur Gegenseite (hier dann nach links). Durch die einseitige Lage plattet sich das Hinterhaupt schon nach kurzer Zeit mehr oder minder stark ab (in unserem Beispiel rechts), es entwickelt sich eine Schädelasymmetrie. Eine Gesichtsasymmetrie bildet sich nach einer Behandlung meist innerhalb von wenigen Wochen zurück, die Hinterkopfabplattung braucht da schon wesentlich länger (bis zum 5. Lebensjahr) oder bleibt bei ausgeprägten Befunden auch darüber hinaus noch nachweisbar.

Viele Kinderärzte empfehlen den Eltern, das Köpfchen mit Polstern zu unterlagern oder das Bettchen umzustellen. Bei sehr jungen Babys (Frühgeburten) oder solchen mit nur leicht ausgeprägter Problematik reicht dies durchaus, um eine Schädeldeformierung zu verhindern.
Neu – und Frühgeborene sowie sehr junge Säuglinge haben noch keine ausreichende Kopfkontrolle und auch die Spontanmotorik ist noch nicht soweit entwickelt, dass sie ihren Kopf ganz allein nach rechts und links drehen können. Hier macht das richtige Lagern Sinn.


Liegt dem jedoch eine Funktionsstörung der Kopfgelenke zugrunde, stellt sich die einseitige Kopfwendung recht schnell wieder ein. Insbesondere entwickeln die Kinder ab zirka 3. Lebensmonat schon so viel Spontanmotorik, dass sie innerhalb kurzer Zeit wieder in ihrer gewohnten (Zwangs-) Haltung liegen. Versucht man das Köpfchen vorsichtig zur Gegenseite zu drehen, dann gelingt dies nicht ausreichend und ruft lautstarken Protest des Kindes hervor. Auch bemerkt man beim Mützchen aufsetzen oder beim Hals waschen eine Überempfindlichkeit im Nackenbereich.
Eine weitere wichtige Auffälligkeit bei KISS I Kindern im Säuglingsalter ist ihre C-Haltung, die vom Kopf bis zum Becken reicht. Diese Schiefhaltung kann man in fast allen Positionen finden, ob im Bettchen oder auf dem Schoß. Die Arme und Beine werden oft an der Innenseite des „C“ weniger bewegt, die Kinder weisen Rückstände in dermotorischen Entwicklung auf. So kann man dann eine einseitige Faustungstendenz der Hand (z. Bsp. beim Unterarmstütz jenseits des 3. Monats oder beim Handstütz ab dem 6. Lebensmonat) finden. Insgesamt sind KISS I Kinder oft motorisch entwicklungsverzögert (nur einseitiges Drehen, asymmetrisches Robb- oder Krabbelmuster u.v.a.m.) ohne dass ein Hirnschaden vorliegt. Nach einer entsprechenden Behandlung holen sie daher ihre Rückstände schnell auf. Bei genauer Untersuchung können auch Asymmetrien in der Grundspannung der Muskulatur zwischen rechter und linker Körperhälfte festgestellt werden. Die unterschiedliche Anspannung der Muskulatur – auch in Ruhe – kann zu Hüftreifungsverzögerungen (meist an der Innenseite des „C“), „Po“-Faltenasymmetrien oder Auffälligkeiten in Bezug auf die Fußstellung (z. Bsp. „Sichelfüßchen“) führen.
Wenige KISS I Kinder weisen nur diskrete Zeichen einer Entwicklungsstörung auf oder zeigen wechselnde Haltungsauffälligkeiten. Auch hier sollte in Verbindung mit dem Kinderarzt das weitere Vorgehen besprochen werden. Insbesondere in den ersten 3 Lebensmonaten lösen sich viele „Verspannungen“ auch spontan.
Länger bestehende Auffälligkeiten sollten jedoch nicht bagatellisiert werden.

KiSS Typ II

Wenn KiSS I Kinder ihre Problematik bei der Kopfdrehung (Rechts-/Links-Ebene) entwickelt haben („C-Haltung“), so fallen KiSS II Kinder durch Schwierigkeiten insbesondere in der Vorn-/Hinten-Ebene auf. Sie überstrecken sich nach hinten und liegen im Bett wie ein überspannter Flitzebogen. Beim Hochnehmen „biegen“ sie sich nach hinten durch.
Das macht das Tragen auf dem Arm manchmal recht kompliziert und auch anstrengend für die Eltern.
In den ersten Monaten pressen sie ihren Kopf regelrecht ins Kissen oder die Matratze (Delle!!) und entwickeln so eine mittig gelegene Hiterhauptabplattung. Diese ist meist begleitet von einem haarlosen Fleck, dem sog. KiSS-Fleck. Einige mögen die Bauchlage nicht.

KiSS II Kinder sind darüber hinaus nicht selten muskulär hypoton, heißt, dass ihre Muskelspannung eher niedrig ist. Sie erlangen meist verspätet die Kopfkontrolle und sind ähnlich wie KiSS I Kinder empfindlich im Nacken. Das macht sich dann beim Mützchenaufsetzen oder Lätzchenumbinden bemerkbar.
Weil einige Babys ihre Schultern fast bis zu den Ohren hochziehen, haben Mütter meist Probleme den Hals ihrer kleinen Schützlinge zu waschen.
Stillprobleme können auch bei diesen Säuglingen vorkommen, dann meist auf beiden Seiten. KiSS II Kinder haben gelegentlich Saugprobleme und spucken häufig oder sabbern viel.

Mischformen

Die folgenden Symptomgruppen sind weder für ein KISS I noch für ein KISS II typisch, insbesondere, da ja die meisten Kinder (wie bereits erwähnt) von beiden Komponenten etwas haben. Sie sollen daher gemeinsam abgehandelt werden. Andererseits kann bei hier zugeordneten Kindern die Haltungsauffälligkeit im Hintergrund stehen oder sogar fehlen. Auch sei nochmals betont, dass diese Auffälligkeiten ähnlich wie die o.g. Haltungsstörungen durch viele andere Erkrankungen hervorgerufen werden können und immer einer qualifizierten ärztlichen Kontrolle bedürfen.

  • „Dreimonatskoliken“- Schreikinder:
    Wie der Name schon sagt, schreien diese Babys sehr viel und lassen sich nur schwer (oder nicht) beruhigen. Die Schreiattacken treten besonders abends und nachts auf und halten meist einige Stunden an. Erfahrungsgemäß klingen diese Schreiphasen bis zum 3. Lebensmonat ab und auch die begleitenden Blähungen verschwinden.
    Doch wo ist die Grenze zwischen normaler Anpassung an das Leben außerhalb der Gebärmutter und vielleicht anderweitigen Gesundheitsstörungen? In der Medizin geht man von einer natürlichen d.h. normalen täglichen Schreidauer von weniger als 3 Stunden pro Tag aus. Schreit ein Kind mehr als 3 Stunden am Tag und das über mehr als 3 Tage hintereinander wählt man die Bezeichnung Schreikind und empfiehlt eine entsprechende ärztliche Kontrolle. Diese hat dann wiederum eine Fülle von wichtigen Erkrankungen zu berücksichtigen. Trotz ausführlicher Diagnostik findet sich jedoch bei den meisten Kindern kein krankhafter Befund und die Kinder werden nach Hause geschickt oder zur nächsten Schreiambulanz. Nicht umsonst gilt die Dreimonatskolik in medizinischen Fachkreisen als Mysterium.
    Je weniger man den Beschwerden dieser Babys ausgesetzt ist, wird man den Eltern raten abzuwarten bis sich die Natur selber hilft. Angesichts schreiender Babys und verzweifelter Eltern ist hier jedoch ein manualmedizinischer Behandlungsansatz gerechtfertigt. Anfangs berichteten die Eltern bei der Kontrolluntersuchung ihres KISS- Kindes ganz nebenbei, dass „…übrigens schon wenige Tage nach der Therapie auch die Schreiattacken verschwanden“. So zeigte sich im Laufe der Jahre, dass bei entsprechender Vordiagnostik mehr als 60 % dieser Babys durch Manualtherapie geholfen werden konnte.
  • Ein- und Durchschlafstörungen:
    Ganz besonders Ein- und später Durchschlafstörungen sind häufige „vegetative“ Symptome von KISS–Kindern. Sie drehen und wenden sich im Bettchen und schlafen erst ein, wenn sie ganz durchgeschwitzt sind. Manche Eltern halten die Unruhe von ihren (Einzel-) Kindern für normal und wundern sich erst nach der Behandlung, dass es auch anders geht.
  • Haare raufen und Headbanging:
    Einige KISS – Kinder ziehen sich tags und nachts derart an den Haaren, dass haarlose Flecke entstehen oder sie schlagen in entsprechendem Alter immer wieder mit dem Kopf ans Bettgestell. Auch dies kann Ausdruck der Überempfindlichkeit in der Nacken- Kopfregion sein und verschwindet nicht selten nach erfolgreicher Behandlung. Unter der Rubrik KIDD wird uns die Abneigung gegen Berührungen bei älteren Kindern wieder begegnen.
  • Sabbern, Schluckbeschwerden und Spucken:
    Untrügliches Zeichen für eine Mundschlussstörung mit vermehrtem Speichelfluss ist das fast obligate Halstuch, das vermeiden soll, dass die Kinder mehrmals umgezogen werden müssen. Hier bestehen nicht selten Steuerungsprobleme der Mund- und Schlundmuskulatur, die auch durch Halswirbelsäulenfehlfunktionen mit ausgelöst werden können. Ähnliches gilt für Schluckstörungen und häufiges Spucken. Hier gilt es, an andere Ursachen zu denken bzw. durch Lösung der bestehenden Wirbelfunktionsstörung den Zusammenhang mit einer KISS – Problematik zu bestätigen.
  • Unklare Fieberschübe:
    Sie bedürfen in erster Linie immer einer ausführlichen kinderärztlichen Untersuchung um insbesondere infektiöse und nichtinfektiöse Ursachen auszuschließen oder zu behandeln. Dennoch findet man gelegentlich trotz ausführlicher Diagnostik keine Ursache. Natürlich kann auch eine Wirbelsäulenproblematik für sich genommen kein Fieber auslösen. Ähnliches gilt auch für das „Zahnfieber“. Nichts desto weniger haben viele Säuglinge im Rahmen der Zahnung auch Fieberschübe. Mit anderen Worten können Babys bei ungewöhnlichen Belastungen (Zahnen) in ihrer Infektabwehr derart geschwächt werden, dass es zu unspezifischen Reaktionen des Organismus mit Fieber kommt. Vermutlich kann auch die bestehende Kopfgelenksblockierung im Einzelfall eine solche ungewöhnliche Belastung darstellen. Dies besonders dann, wenn weitere Faktoren (Umgebungswechsel o.ä.) dazu kommen.

Nach dem 12. Lebensmonat beginnen die meisten Kinder sich hochzuziehen und zu stehen. Die wichtigste Aufgabe des ersten Lebensjahres, die Vertikalisation (Aufrichtung), ist also gemeistert. Dies auch, obwohl möglicherweise wichtige Entwicklungsetappen im Säuglingsalter nicht ausreichend durchlaufen (asymmetrisches Robben/Krabbeln) oder übersprungen wurden. Keine Wirbelsäulenfunktionsstörung kann solch eine (über-)lebensnotwendige Entwicklungsphase verhindern oder stoppen. Bei zahlreichen Kindern wird diese jedoch durch eine KISS–Problematik verzögert. Darüber hinaus findet man bei unbehandelten KISS–Kleinkindern noch Reste von vegetativen Begleitsymptomen (Sabbern, Schlafstörungen, Kopfschiefhaltung u.a.m) oder Zeichen von „holprigen“ Bewegungsabläufen, mit Auffälligkeiten der Koordination und Gleichgewichtsregulation. Dies bemerkt man meist erst, wenn es schwierig wird. So kann das Treppensteigen auch mit 4 Jahren immer noch schwierig sein, das Kind fällt häufig hin, Dreirad- und Rollerfahren klappen nicht so richtig und auch das Klettergerüst oder die Rutsche bereiten wenig Freude. Gleiches gilt für Malen, Türme bauen, manche weisen sogar Höhenängste auf .